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junge welt, 21.05.2013

Gepanzerte Freundschaften

Vom Westen im Kalten Krieg hofiert: Vor 15 Jahren endete in Indonesien mit dem Rücktritt Präsident Suhartos die Ära eines Despoten


Rainer Werning

Am 21. Mai 1998 erklärte Indonesiens Präsident Suharto seinen Rücktritt und ernannte seinen Vize Bacharuddin Jusuf Habibie zu seinem Nachfolger. Nicht von einer wütenden Menge wurde dieser »König« aus seinem Palast gejagt wie im Frühjahr 1986 der philippinische Präsident Ferdinand E. Marcos. Nein: Suharto trat lächelnd zurück. »Respekt und Zustimmung« gab es unisono aus Washington, London, Tokio, Bonn und Canberra für einen Mann, der jahrelang Terror und Gewalt gesät hatte. Er war von ihnen gleichwohl hofiert oder – wie im Falle von Exbundeskanzler Helmut Kohl – ausdrücklich als »guter Freund« geschätzt worden.

Der am 8. Juni 1921 in dem zentraljavanischen Dorf Kemusuk geborene Suharto operierte wie ein Dalang im javanischen Schattenspiel; er war Puppenspieler und Erzähler in einer Person. Als Magier der Macht verstand er es meisterhaft, die Geschicke auf und hinter der Bühne zu lenken, Widersacher auszuschalten und eine ihm geneigte Klientel strategisch zu positionieren – in Führungsetagen von Handel und Industrie ebenso wie in Politik und innerhalb des Militärs.

Politisch geschätzt als Ordnungsfaktor und Garant westlicher Sicherheitsinteressen in Südostasien, wirtschaftlich großzügig unterstützt als Gebieter über den seinerzeit mit über 200 Millionen Einwohnern größten Markt in der Region und als kräftigster unter den »Tigern der zweiten Generation« gelobt, wurden Suhartos Schandtaten stets als Kavaliersdelikte bagatellisiert. Außenpolitisch stützte er bedingungslos die westlich orientierte Staatengemeinschaft – von Australien über Großbritannien und die Bundesrepublik bis zu den USA. Ungestraft wurden seit seiner Anfang Oktober 1965 in wohlkalkulierten Schritten exekutierten Machtübernahme Hunderttausende umgebracht, Zehntausende politische Gegner und Kritiker inhaftiert beziehungsweise in die Verbannung geschickt. 1976 folgte die widerrechtliche Einverleibung Osttimors als 27. Provinz Indonesiens; UN-Resolutionen zum Abzug seiner dort stationierten Truppen wurden schlichtweg ignoriert.

Den Westen kümmerte das Gebaren der Militärs wenig. Er schätzte vielmehr die Geschäfte unter dem Regiment der neuen Machthaber, investierte fleißig und räumte ihnen großzügig Kredite ein, bis das Land im Frühjahr 1998 eine Auslandsverschuldung von umgerechnet 140 Milliarden US-Dollar angehäuft hatte. Kommunismusphobie, martialische Einsätze der Sicherheitskräfte und ein Filz aus politischen, wirtschaftlichen und persönlichen Interessen zeichneten den Suharto-Clan aus, unter dem Korruption grassierte und die sechs Kinder des Präsidenten die größten Wirtschaftsimperien übernahmen. 

Geschätzte BRD-Verbindungen

Stets mit von der Partie war dabei die Bundesrepublik. »Der nach dem Ausscheiden Sukarnos (Hausarrest im Februar 1967, d.Red.) begonnene Wandel in Staat und Gesellschaft« kommentierte das Düsseldorfer Handelsblatt am 6. Januar 1970 in Erwartung lukrativer Geschäfte, »ist in Indonesien noch nicht abgeschlossen. Suhartos Verdienst besteht darin, dass er diesen Wandel mit der Geschmeidigkeit und Geduld eines typischen Zentraljavaners ermöglicht hat. (…) Immerhin verfügt Suharto neben javanischer Geschmeidigkeit und Geduld auch über taktisches Gespür und notfalls Entschlossenheit, wie er das bei der Ausschaltung seines Vorgängers hinlänglich bewiesen hat.« Langjährig und intensiv unterstützte der Bundesnachrichtendienst (BND) die indonesischen Militärs mit Logistik und Waffen. Über die Bundeswehr und den Bundesgrenzschutz gab es für die fernen Freunde – unter dem Vorwand der »Drogenmißbrauchsbekämpfung« – Hilfestellung in Form von Ausbildungskursen für Offiziere an der Bundeswehrakademie Hamburg-Blankenese sowie Spezialtrainings bei der Elitetruppe GSG9 in Hangelar bei Bonn. Unter anderen hatte dort der Schwiegersohn Suhartos, General Prabowo Subianto, 1981 eine Sonderausbildung erhalten. In seine Heimat zurückgekehrt, avancierte Subianto zum Chef der militärischen Spezialeinheiten und übernahm zudem das Kommando über das wegen seiner Brutalität gefürchtete »Detachment 81«. Obwohl er als einer der Drahtzieher von Liquidierungskampagnen gegen Oppositionelle inkriminiert war, konnte sich Subianto nach Suhartos Rückzug unbehelligt ins Exil nach Jordanien absetzen.

Der frühere BND-Chef Reinhard Gehlen kommentierte Suhartos Machtantritt am 10. Oktober 1996 im Fernsehmagazin »Monitor« im Jargon des Kalten Krieges: »Der Erfolg der indonesischen Armee, die (…) die Ausschaltung der gesamten kommunistischen Partei mit Konsequenz und Härte verfolgte, kann nach meiner Überzeugung in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.«

Eine zwielichtige Rolle spielte lange einer seiner Untergebenen, der 1992 verstorbene Rudolf Oebsger-Röder. In Nazideutschland war dieser SS-Obersturmbannführer gewesen und arbeitete nach Kriegsende hauptberuflich für den BND sowie als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung und Neuen Zürcher Zeitung in Jakarta. In Indonesien verschaffte er sich Zugang zu Suharto und wirkte als dessen Berater und Biograph. Gleichzeitig fungierte er unter dem Namen »O.G. Roeder« als BND-Mitarbeiter in Jakarta und veröffentlichte unter diesem Pseudonym dort 1970 das vor Lobhudelei strotzende Buch »The Smiling General: President Soeharto of Indonesia«. Seitdem war in der internationalen Presse- und Medienlandschaft häufig vom »lächelnden General« die Rede, wenn es mal wieder galt, Suhartos Politik schönzufärben.

Laut Recherchen des WDR-Fernsehmagazins »Monitor« bildete der BND auch indonesische Agenten in Deutschland aus. Überdies lieferte man aus Deutschland militärische Elektronik, zum Beispiel über die BND-nahe Firma Telemit. Die Geheimdienstkontakte hatten sich dermaßen eng gestaltet, daß der BND in der Deutschen Botschaft in Jakarta eine »legale Residentur« einrichten konnte. Der Zweck dieser BND-intern »FB70« bezeichneten Auslandsvertretung: enge Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der Suharto-Diktatur. Auch politisch-diplomatisch wurden die Bande zwischen Bonn und Jakarta, insbesondere während der Kohl-Ära, innig gepflegt. Im Herbst 1996, als der Exbundeskanzler zu Staatsbesuchen nach Südost- und Ostasien aufbrach, war Jakarta eine wichtige Zwischenstation. Dort wurde die »Männerfreundschaft« (so Kohl über seinen Freund Suharto) beim gemeinsamen Segeln und Angeln gefestigt.

 

»Terror der Ökonomie«

Was dem Regime in Jakarta letztlich zum Verhängnis wurde, waren der »Terror der Ökonomie« und daraus resultierende soziale Konflikte. Als im Sommer 1997 Südost- und Ostasien von einer schweren Wirtschafts- und Finanzkrise erfasst, Milliardenbeträge aus der Region abgezogen und aggressiv gegen dortige Währungen spekuliert wurde, brach Indonesiens vermeintliche Boomwirtschaft wie ein Kartenhaus zusammen. Der tiefe Fall der Landeswährung, der Rupiah, war vor allem durch die im Ausland genährte Skepsis über die Ernsthaftigkeit des Reformwillens im Wirtschafts- und Finanzsektor Jakartas ausgelöst worden. Dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und westeuropäischen Banken gingen die von Jakarta in Aussicht gestellten Maßnahmen zur Überwindung der »Asienkrise« nicht weit genug. Da genügte allein das Gerücht, der IWF gedenke im Verbund mit der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank das für Indonesien geschnürte Hilfspaket von 43 Milliarden US-Dollar zu kürzen, um die Rupiah in den Keller absacken zu lassen.

Noch im September 1997 war die Weltbank voll des Lobes und ortete gerade in Indonesien innerhalb der letzten Dekade eine außergewöhnlich erfolgreiche Wirtschaftsentwicklung, die das Land zu den »best performing economies« in der Region aufrücken ließ. Als sei zwischenzeitlich nichts geschehen, tauchte diese Einschätzung sogar noch im Frühjahr 1998
auf der Website der Weltbank auf.  

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Von »Freunden« fallengelassen

Mitte Januar 1998 sorgten zwei Berichte für Furore: ein publik gewordener, ursprünglich nur für den internen Gebrauch vorgesehener Report des IWF sowie das Indonesien-Feature in der Londoner Zeitschrift The Economist. Zu den Jakarta gestellten Bedingungen für die Gewährung eines 43 Milliarden US-Dollar umfassenden Pakets gehörte die Auflösung von 16 als insolvent eingestuften Banken. Allein diese Nachricht hatte Panik ausgelöst und dem ohnehin erschütterten Finanzsektor einen zusätzlichen Hieb versetzt.

Am 17. Januar machte der Economist seine Hintergrundanalyse mit einem Foto auf, auf dem das Banner »Step down, Suharto« prangte: »Mr. Suharto«, so hieß es in dem Bericht, »hat es weitaus besser verstanden, Reformen anzukündigen, als diese auch umzusetzen. Er ist nicht zuletzt angehalten, ein Wirtschaftsgebäude aufzubrechen, das seinen Söhnen und Töchtern enormen Reichtum beschert hat. (Das gesamte Familienvermögen schätzte das Wochenblatt auf umgerechnet bis zu 40 Milliarden US-Dollar, R. W.) (…) Suhartos sechs Kinder haben ihren politischen Einfluss genutzt, um sich große Kapitalanteile von Fluggesellschaften über Banken und petrochemische Firmen bis hin zum Timor, Indonesiens ehrgeizigem Automobilprojekt, zu sichern.«
Was die Kritik seiner ausländischen »Freunde« an der Amtsführung Suhartos besonders schürte, war dessen Budgetrede am 6. Januar 1998. Darin hatte der Präsident eine Erhöhung von Subventionen für Petroleumprodukte, Reis und Düngemittel sowie eine über 30prozentige Erhöhung der Regierungsausgaben angekündigt, ohne durchblicken zu lassen, wann solche kostspieligen Subventionen gestoppt würden. Das politische und ökonomische Krisenkarussell drehte sich unaufhörlich. Plünderungen, Straßenschlachten und Hamsterkäufe prägten in zahlreichen Städten des Landes das Alltagsbild. Schließlich kam am 15. Januar 1998 mit dem IWF ein neues Abkommen zustande, dessen Schlußakkord ein ungewöhnliches Gruppenfoto bildete. Es zeigte den IWF-Managing Director Michel Camdessus in imperialer Pose mit einem vor ihm sitzenden Suharto, strikt darauf achtend, dass dieser seine Unterschrift unter das vor ihm ausgebreitete Dokument setzte. Wer glaubte, dies würde die Märkte beruhigen, hatte sich getäuscht. Die Aktienkurse sackten nochmals um knapp fünf Prozent ab und die Rupiah glich Monopoly-Geld. Ihr Kurs erreichte am 22. Januar 1998 mit 17.000 Rupiah für einen US-Dollar ein Rekordtief (gegenüber 2.400 : 1 im Juli 1997).

Um die Auslandsverschuldung von 140 Milliarden Dollar halbwegs in den Griff zu bekommen, verkündete Jakarta Ende Januar einen zeitweiligen Rückzahlungsstop öffentlicher Schulden in Verbindung mit geplanten Bankenreformen. Im verzweifelten Bemühen, wenigstens Devisen im Lande zu behalten, dachte Suharto seit Mitte Februar 1998 über eine Währungsbehörde nach, welche die Einbindung der Rupiah in ein festes Wechselkursverhältnis gegenüber dem US-Dollar in Höhe von 5.500:1 garantieren sollte. Das hätte seitens des IWF das Faß fast zum Überlaufen gebracht. Er drohte Suharto, in einem solchen Falle das gesamte, 43 Milliarden Dollar umfassende Kreditpaket auszusetzen.

 

Rasante Verarmung

Langjährig geschätzt war das Regime auch wegen seiner makroökonomischen Erfolge. Suharto holte vorwiegend in den USA und in Europa geschulte Ökonomen in sein Kabinett, um gegenüber westlichen Kapitalgebern Solidität zu signalisieren. Die bei seiner Machtübernahme 1000prozentige Inflationsrate konnte auf ein zweistelliges Niveau gedrückt werden, Investitionen wurden verstärkt angelockt, die Infrastruktur wurde ausgebaut, das Gesundheits- und Schulwesen reformiert und die hohe Geburtenrate drastisch gesenkt. Als Öllieferant und mächtiges OPEC-Mitglied profitierte das Inselreich zudem lange vom Ölboom.

Jakartas glitzernde Skyline konnte jedoch nie den Blick auf die enorme Kluft zwischen Arm und Reich verstellen. Selbst innerhalb eines Betriebs war ein Verhältnis von 1:100 oder mehr zwischen den niedrigsten und höchsten Lohngruppen keine Seltenheit.

Ein Problem stellte vor Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise die Arbeitslosigkeit beziehungsweise Unterbeschäftigung dar. Im Frühjahr 1998 bezifferte die Indonesian Association of Muslim Intellectuals die Gesamtzahl der Arbeitslosen auf zwölf Millionen im Großraum Jakarta. Die noch beschäftigt waren, wurden mit erzwungenen Überstunden und abgesenkten Löhnen in die Zange genommen, wobei das gesetzlich fixierte Lohnminimum seit Frühjahr 1997 nicht angehoben worden war und mit umgerechnet 65 US-Cent pro Tag möglicherweise das weltweit niedrigste darstellte. In der angespannten sozialen und wirtschaftlichen Lage wurde eine Pogromstimmung gegen die chinesische Minderheit (etwa drei Prozent der Bevölkerung) geschürt sowie interethnische und -religiöse Konflikte, die ihrerseits von Kräften des Ancien régime instrumentalisiert wurden.

 

Im Schatten von »Reformasi«

Seit Mitte der 1960er Jahre hatte das Militär eine »Neue Ordnung« geschaffen, wobei es sich die Doppelfunktion äußerer Verteidigung und sozialpolitischer Befriedung im Innern zuwies. Aufstände auf den Molukken und in Aceh (Nordsumatra) wurden niedergeschlagen, Staatsfeinde eingesperrt, Intellektuelle mit Schreib-, Veröffentlichungs- und Redeverbot belegt. Nichtregierungsorganisationen und unabhängige Gewerkschaften, die sich für die Einführung eines Mindestlohns von umgerechnet gerade einmal zwei Euro pro Tag einsetzten, ein Ende militärischer Einmischung in Arbeitskonflikte sowie das Recht auf Bildung freier Gewerkschaften forderten, blieben den Machthabern ein Dorn im Auge.

Mit dem Ende der Ära Suharto erlischt keineswegs der das gesamte öffentliche Leben durchdringende Machteinfluß des Militärs. Die mit gesellschaftlichen Reformerwartungen (Reformasi) verknüpfte Post-Suharto-Ära blieb überschattet von sozialpolitischen Unruhen in zahlreichen Provinzen des Archipels und nach Unabhängigkeit strebenden Kräften in Aceh, Maluku sowie in Irian Jaya (Westpapua). Dort praktizierte das Militär mit dem Argument, unbedingt die Einheit des Landes und nationale Integrität zu wahren, unterschiedliche Strategien der Aufstandsbekämpfung. Ganz zu schweigen von der ehemaligen portugiesischen Kolonie Osttimor, wo der Suharto-Nachfolger Habibie ein Plebiszit zuließ, bei dem am 8. August 1999 die große Mehrheit der Osttimoresen für die Unabhängigkeit votierte. Doch ihr Weg in die Autonomie (20. Mai 2002) war von Gewalt gesäumt, als vom indonesischen Militär gebildete paramilitärische Milizen ein Kesseltreiben gegen Befürworter der Unabhängigkeit entfachten, dem zu spät nach Osttimor entsandte UN-Truppen tatenlos zusahen.

Nach Habibie bekleideten mit Abdurrahman Wahid und Megawati Sukarnoputri (Tochter des Staatsgründers und ersten Präsidenten Sukarno) zwei weitere Zivilisten das höchste Staatsamt, bis am 20. Oktober 2004 mit Susilo Bambang Yudhoyono erneut ein Exgeneral die Präsidentschaft übernahm. Unter seiner Ägide gedieh eine Kultur der Straffreiheit und selbst zaghafte Ansätze, die Ära Suharto jenseits staatlich verordneter Verklärung kritisch aufzuarbeiten, verebbten rasch. Bereits Ende September 2000 war Suharto ärztlich attestiert worden, nicht vernehmungs- und haftfähig zu sein. Gegen ihn angestrengte Verfahren wegen Korruption und Amtsmißbrauch verliefen im Sande. Eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde nie gegen ihn erhoben. Er genoß Immunität und verbrachte seinen Lebensabend in Jakartas Nobelviertel Menteng, wo er am 27. Januar 2008 infolge mehrfachen Organversagens starb. 

Statt Aufarbeitung der Vergangenheit gilt ungebrochen Amnesie als Staatstugend

Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende von Suhartos Herrschaft sind seine Mitstreiter von einst allesamt auf freiem Fuß. Denkmäler werden zu seinen Ehren errichtet, und in den Medien wird darüber debattiert, ob Suharto als Nationalheld einzustufen sei. Auch die bundesdeutschen Freunde leisten heute mit der Lieferung von 104 Kampfpanzern des Modells »Leopard 2«, 50 Schützenpanzern des Modells »Marder«, vier Berge-, drei Brückenlegepanzern und Munition ihren Beitrag dazu, die indonesischen Streitkräfte kräftig aufzurüsten und sie wieder für Repressionen im Innern zu wappnen. 

Massaker im Namen der Freiheit

Indonesiens erster Präsident Ahmed Sukarno wollte den Inselstaat nach der proklamierten Unabhängigkeit (17. August 1945) politisch einen, sozial befrieden und wirtschaftlich entwickeln. Als Konzept dazu diente ihm die NASAKOM – eine Allianz aus Nationalisten, Gläubigen und Kommunisten. Doch bereits Ende der 1950er Jahre war dieses Ideal gescheitert. Mit der Einführung der »gelenkten Demokratie« gelang es den Militärs, ihre Stellung in Staat und Gesellschaft auszubauen und ab Herbst 1965 zur dominierenden politischen Kraft aufzusteigen. Vor allem die Kommunistische Partei Indonesiens (PKI), damals nach der KP Chinas und der KPdSU die weltweit drittgrößte kommunistische Partei, bildete in der Sicht der Mächtigen im Lande und der in der Region auf Hegemonie bedachten USA eine Bedrohung.

Als kritisch hatte die US-amerikanische Regierung die politische Situation Anfang 1965 eingeschätzt, nachdem Malaysia in den UN-Sicherheitsrat aufgerückt war und Indonesien daraufhin den Vereinten Nationen den Rücken kehrte. Die Absprachen zwischen indonesischen und amerikanischen Militärs häuften sich, zumal der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson in Indonesien eine ähnliche Entwicklung befürchtete wie in Vietnam. Jedenfalls wurde dem Oberkommando der Streitkräfte freie Hand gelassen, einen Plan zu entwerfen, dessen vorrangiges Ziel darin bestand, den selbsterklärten Antiimperialisten Sukarno zu beseitigen, linke Nationalisten, Gewerkschafter und Kommunisten auszuschalten, eine außenpolitische Kehrtwende in Richtung Westen vorzunehmen und das Land für ausländische Investitionen weit zu öffnen. Unter dem Vorwand, eine vermeintlich bevorstehende Machtübernahme der PKI zu vereiteln, ergriffen ab Anfang Oktober 1965 Generalmajor Suharto als Chef der Eliteeinheit KOSTRAD sowie ihm ergebene Offiziere schrittweise die Macht.

»Säuberungsaktionen«, die in erster Linie Mitglieder und (verdächtigte) Sympathisanten der PKI das Leben kosteten, begleiteten die präsidialen Ambitionen Suhartos. Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Gemetzel plazierten Mitarbeiter des National Security Archive (NSA) der George Washington University ein in den 1960er Jahren vom State Department (US-Außenministerium) erstelltes Geschichtsbuch über Amerikas Rolle in Indonesien am 27. Juli 2001 auf ihrer Homepage. Das NSA ist eine Gruppe engagierter Akademiker, die sich, gestützt auf den Freedom of Information Act, kritisch mit Fragen der nationalen Sicherheit auseinandersetzen und von der Regierung deklassifizierte Dokumente zugänglich machen.

Das Dokument mit dem Titel »Die auswärtigen Beziehungen der Vereinigten Staaten, 1964–68 – Band XXVI: Indonesien; Malaysia-Singapur; Philippinen« enthält im Kapitel über Indonesien beklemmende Beweise staatsterroristischer Akte auf Gegenseitigkeit. »Wir wissen – ehrlich gesagt – nicht genau«, heißt es da, »ob die tatsächliche Zahl (getöteter PKI-Mitglieder) näher bei 100.000 oder bei 1.000.000 liegt, doch wir halten es für klüger, vor allem im Falle von Nachfragen seitens der Presse, von der niedrigeren Schätzung auszugehen.« Der damalige US-Botschafter in Jakarta, Marshall Green, kabelte am 10. August 1966 nach Washington, man habe eine von der Botschaft erstellte Liste von führenden PKI-Kadern den indonesischen Sicherheitskräften übermittelt, denen es offensichtlich an solchen Informationen mangelte.

Am 28. November 1975 hatte die zuvor aus Wahlen siegreich hervorgegangene Unabhängigkeitsbewegung Fretilin in der früheren Kolonie Portugiesisch-Timor die Demokratische Republik Osttimor ausgerufen. Gerade mal neun Tage bestand diese Republik, als die indonesische Soldateska ihr am 7. Dezember 1975 gewaltsam ein Ende bereitete. Das Regime in Jakarta annektierte Osttimor ein Jahr später als 27. Provinz Indonesiens und errichtete dort bis 1999 ein Terrorregime.

Der damalige US-Präsident Gerald R. Ford und sein Außenminister Henry A. Kissinger hatten sich nicht nur für massive Waffenlieferungen an Jakarta stark gemacht. Das Ford-Kissinger-Tandem befand sich Ende 1975 auch auf Stippvisite in Ost- und Südostasien und stattete Suharto just einen Tag vor der indonesischen Invasion in Osttimor einen Besuch ab. Kissinger empfahl Suharto zweierlei: Jakarta solle die Invasion erst beginnen, wenn er (Kissinger) und der Präsident wieder in Washington gelandet seien. Und Suharto wurde zum »Quick fix« gedrängt. Im Klartext: Das Militär sollte den Einmarsch auf schnellst möglichem Wege, im Sinne eines »chirurgischen Eingriffs« durchführen.

Am 28. Januar 2008 legte das NSA zusätzliche Dokumente zur Zeit der Osttimor-Invasion 1975/76 vor, welche die Komplizenschaft der damaligen Ford-Administration mit dem Suharto-Regime belegen. Diese Dokumente vermitteln tiefe Einblicke in das, was der Publizist Anthony Lewis »Kissinger-Realismus« nannte. So hatte der frühere US-Außenminister unmittelbar nach dem Suharto-Besuch Anfang Dezember 1975 kritische Nachfragen in seinem eigenen Stab mit der ihm eigenen Arroganz pariert, es widerspräche dem nationalen Interesse, wegen des unbedeutenden Osttimor den »Indonesiern die Zähne einzuschlagen«.


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30. April 2011, Neue Zürcher Zeitung

Liberale Stimmen in Indonesiens Islam

Im Schatten muslimischer Extremisten sprießen auch Ideen der Religionsfreiheit und der Menschenrechte

In Indonesien machen Anhänger extremistischer islamistischer Strömungen mit gewalttätigen Aktionen immer wieder Schlagzeilen.
 Es gibt aber auch namhafte Kräfte, die sich für einen liberalen Islam einsetzen.

 Franz Dähler

«Der Islam lehnt Demokratie und Menschenrechte ab, diskriminiert die Frauen.» So lautet eine vorherrschende Meinung. Dabei wird einseitig an Nordafrika und den Nahen Osten gedacht. Doch wie steht es mit Indonesien, das mit seinen 207 Millionen Muslimen zahlenmäßig alle arabischen Länder übertrifft? Dort stehen sich Radikalisierung und Liberalisierung des Islam gegenüber, mit weltweiten Folgen.

Islamistische Gewalt

«Das Gesetz Gottes muss auf jeden Fall eingeführt werden, auch gegen den Willen des Volkes. Denn es steht über der Demokratie», erklärte Abu Bakar Bashir im September 2006. Der inzwischen verhaftete Islamist leitete eine große Koranschule in Zentraljava und inspirierte den Terroranschlag in Bali vom 12. Oktober 2002 mit über 200 Todesopfern. Seine starke Anhängerschaft will das islamische Gesetz (Scharia) zum Staatsgesetz erheben. Dieser Tendenz folgen einige Provinzregierungen. Sie setzten Teile des islamischen Rechtes durch, so in Aceh, Südsulawesi, Westsumatra, Tangerang. Es handelt sich um Kleidervorschriften für die Frauen, Antipornogesetze und Strafen für Diebstahl, Ehebruch, sexuellen Verkehr vor der Ehe (Auspeitschung in Aceh).

Oft werden christliche Kirchen durch die Muslimische Verteidigungsfront (FPI) oder die Bewegung gegen den Abfall vom Islam attackiert, zerstört und in der Folge geschlossen. So geschah es in Bekasi im letzten September mit einer evangelischen Kirche und im Februar dieses Jahres mit zwei Kirchen in Temanggung (Zentraljava). Rückhalt genießen solche Aktionen beim Islamischen Rat der Gelehrten (MUI). Diese Organisation vertritt einen exklusiven Anspruch auf Wahrheit, verbot durch eine Fatwa (Rechtsspruch), an Weihnachtsfeiern teilzunehmen, und verurteilte die Trennung von Religion und Staat, eine für moderne Wissenschaften aufgeschlossene Interpretation des Korans und den Pluralismus der Religionen.

Die Gemeinschaft Ahmadiyah, eine kleine Minderheit im Islam, soll nach dem Willen des MUI und der FPI verboten werden. Einige ihrer Moscheen wurden zerstört. Ahmadiyah anerkennt den Koran, bejaht die fünf Pflichten des Islam, hält aber Mohammed nicht für den letzten Propheten.

Die Regierung unter Präsident Yudhoyono lässt sich durch diesen radikalen Islam (der neuerdings auch mit Paketbomben operiert) eher einschüchtern, statt auf die ebenfalls festzustellende Strömung der Liberalisierung innerhalb des Islam zu setzen. Das Wort liberal war unter den Regierungen Sukarno (1945–1966) und Suharto (1966–1998) verpönt, weil es an westliche Demokratien erinnerte. Die Autokraten schufen ein repressives Regime. Es ist Zeichen eines wichtigen Umschwunges, dass starke Kräfte im Islam das Wort liberal neu entdecken. Für sie umfasst es Werte wie Religionsfreiheit, Menschenrechte, Demokratie, Säkularisierung.

Vielfalt der Religionen

«Die Religionsfreiheit verteidigen» heißt eine Dokumentation des Institutes für Religion und Philosophie (LSAF) in Jakarta. Darin kommen 60 muslimische und 10 christliche Autoren zu Wort. Auffallend ist das weite Spektrum von hervorragenden Intellektuellen wie die Rektoren der muslimischen Universitäten von Jakarta und Yogyakarta. Es äußern sich erstrangige Politiker, welche die Demokratiebewegung vorangetrieben haben; so Abdurrahman Wahid (Präsident 1999–2001), Syafii Maarif (2000–2004 Präsident der zweitgrössten muslimischen Volksorganisation, Muhammadiyah), Said Aquil Siraji (Präsident der grössten muslimischen Volksorganisation, NU).

Herausfordernd sind die Stimmen von 12 Frauen. Gadis Arivia, Dozentin an der führenden Universitas Indonesia, widerspricht den Kleidervorschriften und empört sich darüber, dass Muslime das Pflichtgebet nur in arabischer Sprache verrichten dürfen. Sie alle wenden sich gegen die Verabsolutierung der Religion, fordern die Trennung von Religion und Staat und eine kontextuelle, nicht wörtliche, sondern den Kulturwissenschaften entsprechende Interpretation des Korans. Sie betonen die in Indonesien gewachsene Vielfalt von Kulturen und Religionen, stützen sich auf den Koran und die Praxis des Propheten Mohammed, dem in Medina eine säkulare, tolerante Struktur der Gesellschaft vorgeschwebt hatte. Für den Geist des Pluralismus werden große Gelehrte aus dem Mittelalter zitiert wie Ibn Arabi, Ibn Rusyd (Averroes) und Jalaluddin al Rumi.

Javanische Harmonie

Gilt das alles nur für die Intellektuellen? Keineswegs. Der Philosoph Budhy Munawar-Rahman verweist in seinem 2010 erschienenen Buch «Neuorientierung des Islam» auf die bereits erwähnten Volksorganisationen NU und Muhammadiyah. Er erwähnt neun islamische, im Volk verankerte Institute, die sich für die Vision einer humanen, freiheitlichen Gesellschaft einsetzen, so das «liberale Netzwerk» (JIL), die Stiftung Paramadina, die Vereinigung für die Entwicklung von Gesellschaft und Koranschulen (P3M), die vor allem in den Medien und in Schulen wirkt. Sie versuchen, oft gemeinsam mit Christen, karitative Werke und das Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit zu fördern, nach der Vision des Theologen Nurcholish Madjid. Sehr hilfreich ist dabei das javanische Ideal der Harmonie, das die Einheit mit der Natur und die friedliche Vielfalt unter den Kulturen erstrebt. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Sultan von Yogyakarta (Zentraljava) alle dort angesiedelten Religionen beschützt, die Ahmadiyah inbegriffen.

Der neulich intensivierte Dialog unter den indonesischen Religionen inspiriert zum Einsatz für die Menschenrechte. So publizierten hervorragende Vertreter des Islam, des evangelischen Kirchenbundes (PGI), der katholischen Kirche, des Buddhismus, Hinduismus und Konfuzianismus am 10. Januar 2011 ein Memorandum, das sich gegen die grassierende Armut, Korruption und Umweltzerstörung wendet und über den mangelnden Rechtsschutz beschwert. Die Gruppe traf sich am 17. Januar mit dem Präsidenten zu einer Aussprache.

Die Aufstände in Ägypten, Tunesien und Libyen entsprangen nicht dem radikalen Islam, sondern der Leidenschaft für Freiheit und Menschenwürde. Auch die Entwicklung in Indonesien zeigt, dass die Urkraft der Gleichheit und Menschenwürde nicht nur im Westen, sondern auf original muslimischem Boden wächst. Dazu passt die Mail eines Freundes aus Jakarta: Demokratie heißt: hakikimu dan hakikiku adalah sama (im Kern sind du und ich dasselbe).

Franz Dähler wirkte während 18 Jahren als Dozent für Religion und Ethik in Indonesien. Er hält dort noch Gastvorlesungen an staatlichen, christlichen und muslimischen Universitäten. Im Appenzeller Verlag ist seine Autobiografie «Der Indozeller» erschienen.

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Quelle: Watch Indonesia! e.V.
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NababanVEM-Infoservice, Oktober 5/2006
Soritua Nababan

Das Verhältnis zwischen Islam und Christentum in Indonesien
Eine Herausforderung für die Gegenwart und die Zukunft

Die Religionen in Indonesien stehen in der Zeit der "Reformasi" seit 1998 vor mindestens fünf Herausforderungen, denen sie sich möglichst gemeinsam stellen sollten.

1. Herausforderung: Religionsfreiheit

Im indonesischen Grundgesetz von 1945 heißt es: "Der Staat garantiert jedem Bürger die Freiheit, seine Religion zu wählen und Gottesdienst entsprechend dieser Religion oder seiner Glaubensrichtung zu feiern." Hier gibt es zwei offene Probleme die seit der Zeit der „Neuen Ordnung“ (1966 bis 1998) heftig diskutiert werden und oftmals Spannungen und gewaltsame soziale Konflikte auslösen: die Freiheit zur Mission, oft auch die Freiheit zur Ausbreitung der Religion genannt, und die Freiheit, Gebäude für den Gottesdienst zu errichten.

Die Frage der Ausbreitung der Religion und ihrer Begrenzung wurde seit dem Anfang der „Neuen Ordnung“ von den Machthabern immer wieder aufgeworfen. Am 1. November 1967 wurde in Jakarta ein Treffen der Führer aller Religionen einberufen. Mit Hilfe der Islamführer zwangen die Militärmachthaber diesem Treffen ein Konzept auf, das die Ausbreitung der Religion unter denen, die schon eine Religion haben, verbietet. Als Grund wurde die Wahrung der Sicherheit angegeben, die notwendig sei, um sich auf die Ausrottung der Kommunistischen Partei (PKI) und ihrer Anhänger konzentrieren zu können. Im Hintergrund steht jedoch folgender Sachverhalt: Nach der Lehre des Islam ist ein Religionswechsel (murtad) verboten und sollte deshalb durch den Staat nicht erlaubt, sondern verboten werden.

Trotz der Androhung, ihre Sicherheit könne nicht mehr garantiert werden, falls sie nicht unterschreiben, haben die Führer der Protestanten und Katholiken sich geweigert, dieses konzipierte Verbot der Mission zu unterzeichnen. Während der ganzen Zeit der „Neuen Ordnung“ haben sie dann diesbezüglichen neuen Versuchen der politischen Machthaber mit Festigkeit widerstanden, mit der Begründung, dass die Religionsfreiheit durch das Grundgesetz von 1945 garantiert ist. Diese Frage ist ein ungelöstes Problem geblieben, obwohl seit Anfang der sechziger Jahre das Bewusstsein gewachsen ist, dass die Religion universal und die Mission ein unaufgebbares Element der Religion ist.

Der zweite Punkt betrifft die Errichtung von Gottesdienstgebäuden. Im Jahr 1969 haben der Religionsminister und der Innenminister eine gemeinsame Entscheidung (SKB Dua Menteri) herausgegeben, die das Errichten von Gottesdienstgebäuden regelt. Diese hat eine gravierende Schwäche: Sie bindet die Erteilung der Baugenehmigung an die Zustimmung der Bewohner, die in der Umgebung des Bauprojektes leben und die in der Regel dem Islam angehören. Hier sind Spannungen und Konflikte vorprogrammiert. Die christlichen Bürger (Protestanten und Katholiken) haben großen Nachholbedarf in Sachen Kirchbau, denn sie konnten sich erst nach der Erlangung der Freiheit Indonesiens im ganzen Land ausbreiten. Nun möchten sie dort, wo sie leben und arbeiten, auch ihre Gotteshäuser bauen können.

Genau genommen sind die Religionsfreiheit, die Wahrung der Menschenrechte und andere im indonesischen Grundgesetz von 1945 klar enthalten. Würde man die vorhandenen Gesetze anwenden, gäbe es keine grundsätzlichen Probleme. Die Realität sieht aber anders aus. Zur Stützung einer schwankenden Politik hat die Regierung unter dem Grundgesetz von 1945 viele Gesetze erlassen, die im Gegensatz zum Grundgesetz von 1945 stehen.

Den Kirchbau betreffend, haben die Muslime eine besondere Frage an die Christen. Warum müssen an einem Ort zwei oder auch mehr Kirchen in nächster Nachbarschaft stehen? Für die Muslime ist das unverständlich, denn obwohl der Islam auch verschiedene Organisationsformen und religiöse Richtungen kennt, versammeln sich alle in einer Moschee. Die Christen aber brauchen für jede Organisation und Denomination eine eigene Kirche. Bleibt diese Frage ohne Antwort, so muss bei den Muslimen der Eindruck entstehen, dass es den Christen hierbei um eine besondere Methode der Christianisierung gehe, oder dass die Christen unermesslich reich sein müssen. Die Christen werden sich dieser Frage der Muslime stellen müssen. Sie werden auch darüber nachzudenken haben, was es heißt, in einem ökumenischen Geist Kirche für andere, für Christen und Anhänger anderer Religionen zu sein.

2. Herausforderung: Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft

Indonesier leben in einer vielfach zusammengesetzten Nation. Aber auch sie haben sich nach der Erlangung der Freiheit geöffnet. Dass die nationale Einheit in dieser zusammengesetzten Vielfalt nicht untergeht, dafür hat von Anfang an der Slogan „bhinneka tunggal ika“ - „verschieden aber eins“ gesorgt. Er hält das Einheitsgefühl wach. Die Erfahrung der neuen Gesellschaft bringt allerdings auch die Gefahr mit sich, dass die urtümlichen Bindungen wie z. B. die Stammesbindung, die mit ihren starken Wurzeln im Volksleben und in der Religion noch eine aktive Rolle spielt, vergessen werden.

Der starke Einfluss der Volksgruppen und ihrer Kultur auf die Religion wird in Indonesien wie auch im Ausland oft übersehen oder unterschätzt. Die Art wie die Batak ihr Christsein leben, ist durch ihre Adat und Kultur mitgeprägt und unterscheidet sich von der  Form des Christseins der Menschen auf Java, die ihrerseits dem Einfluss der javanischen Adat und Kultur unterliegt. Dasselbe gilt auch für den Islam. Die starke Verbindung zwischen der Religion und der lokalen Kultur entscheidet mit darüber, wie sich diese Religion nach außen darstellt.

3. Herausforderung: Bewältigung der Korruption und Überwindung der Armut

Schon 1998 waren sich die Abgeordneten des Volkskongresses (MPR) einig, dass die Bekämpfung der Korruption, der unsauberen Geschäftspraktiken und des Nepotismus (KKN) eine vordringliche Aufgabe für die „Reformasi“ ist. Acht Jahre danach hat die KKN, die damals ein Krebsgeschwür genannt wurde, alle Schichten der Gesellschaft durchdrungen. Manche nennen diese Krankheit auch „praktischen Atheismus“. Äußerlich gesehen ist das indonesische Volk sehr religiös. An jedem Freitag strömen die Muslime in die Moscheen. An jedem Sonntag sind die Kirchen der Christen voll. Alle Kinder erhalten Religionsunterricht vom Kindergarten bis zur Hochschule. Fünf Mal werden die Muslime täglich zum Gebet aufgerufen. Und doch gibt es Korruption, unsaubere Geschäftspraktiken und Nepotismus (Vetternwirtschaft).

Eine weitere dringende Aufgabe ist, den fortschreitenden Prozess der Verarmung zu stoppen und langfristig die Armut möglichst zu überwinden. Die Armut ist kein unabwendbares Schicksal, auch nicht vorwiegend durch Faulheit oder Dummheit verursacht. Sie ist vielmehr eine Frucht der zunehmenden Ungerechtigkeit, verursacht durch das ungerechte Handeln der Machthaber und der ererbten alten Gesellschaftsstruktur. Diese wird allerdings dadurch verstärkt, dass die politischen und wirtschaftlichen Machthaber sich dieser Struktur für ihre Politik bedienen.

Die wachsende Einsicht in die Zusammenhänge der Wirtschaftspolitik erzeugt allgemein Misstrauen gegenüber den internationalen Organisationen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds (IMF) und der Welthandelsorganisation (WTO), von denen man annimmt, dass sie das Volk verdummen und in Armut stürzen. Auch gegenüber den ausländischen multinationalen Organisationen verstärkt sich die Ablehnung in vielen Formen bis hin zu ihrer Schließung durch das Volk (Newmont, Freeport, Exxon Mobile USA und andere). Diese Unternehmen werden abgelehnt, weil ihre Anwesenheit für das soziale und wirtschaftliche Leben der Menschen in der jeweiligen Region in keiner Weise relevant ist. Was den Menschen in der Region bleibt, ist die Verwüstung und Verschmutzung ihres Lebensraumes. Die vorhandenen Schätze werden bis auf den Grund ausgebeutet, aber die Bevölkerung bleibt arm. Die ausländischen Unternehmen sind dagegen der Überzeugung, sie erfüllten ihre Verpflichtungen der indonesischen Regierung gegenüber entsprechend ihren Verträgen. In Wirklichkeit ist ihr gutes Verhältnis zur Regierung durch die Praxis der Bestechung bestimmt.

Ein anderer Grund, der die Entwicklung behindert, ist das weit fortgeschrittene soziale und wirtschaftliche Ungleichgewicht. Die ererbte feudalistische Sozialstruktur wurde durch die in der Kolonialzeit herrschende Ungerechtigkeit und später durch die „Neue Ordnung“ verstärkt und hat die spätere Entwicklung der Wirtschaft in Indonesien entscheidend mitbestimmt und die soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeit vergrößert.

Besonders bedrückend ist die Ungleichheit zwischen den Gruppen der Superreichen und den Millionen von Menschen unter der Armutsgrenze. Der hier notwendige Ausgleich ist durch die Regierung oder die Wirtschafts- und Finanzfachleute kaum zu erreichen. So wird diese Ungleichheit von Tag zu Tag größer und löst Gewalt und viele soziale Konflikte aus.

Wie kann die Kirche helfen? Sie ist zumindest gerufen, sich für den Ausgleich konsequenter einzusetzen. Als ständiger Wegweiser sollte die sozialökonomische Dimension des „Shalomkonzeptes“ dienen, das durch geeignete Aktionen vergegenwärtigt werden muss. Wenn die Führer des Islam neuerdings betonen, dass schon der Name Islam Friede bedeutet, und wenn Hasyim Muzadi (Vorsitzender der Islamorganistation "Nahdlatul Ulama" - NU) die Kirchen in Indonesien einlädt, gemeinsam an der Schaffung von Frieden zu arbeiten, so stellt dieses Zusammentreffen der Gedanken eine konkrete Möglichkeit dar, lokal und national gemeinsam für die Überwindung der Armut zu arbeiten. Sicher ist: Solange die Mehrheit des Volkes in Armut lebt, wird es weiterhin zu spontanen Gewaltakten kommen.

4. Herausforderung: Radikale Gruppen

Zunächst sahen die beiden großen Islamorganisationen NU und Muhammadiyah in ihren Kreisen den Grund für deren Entstehen in einem ethischen Rigorismus. "Sie sind aufgekommen, weil der Staat zu schwach ist, bestimmte Formen der Immoralität wie die Spielleidenschaft und die Pornographie durch Gesetz zu bekämpfen“, so Syamsuddin, der Vorsitzende der Muhammadiyah. Etwas anders der Vorsitzende der NU. Er rief dazu auf, die radikalen Gruppen durch Überzeugungsarbeit zu bewegen, nicht exklusiv, sondern offen zu sein und die plurale Gesellschaft zu akzeptieren. Heute müssen sie erkennen, dass diese Gruppen nicht nur auf dem moralischen Sektor kämpfen, sondern begonnen haben, anderen ihren Willen gewaltsam aufzuzwingen. Dies bedroht alle für die Zukunft notwendige Zusammenarbeit. Es soll, nicht verschwiegen werden, dass auch auf christlicher Seite exklusive und radikale Gruppen aktiv sind. Auch von ihnen lassen sich einige dazu hinreißen, in der Öffentlichkeit Gewalt anzuwenden. Wenn die Rede auf das Problem des Terrorismus kommt, betont die Islamgemeinde im allgemeinen, dass sie ihn ablehnt. Sie sieht ihn als das Unternehmen eines internationalen Netzes an, wobei die Religion nur als „Schild“ dient. Hinter den Aktionen des Terrorismus stehen politische Belange, sicher auch das Problem der Ungerechtigkeit zwischen den Völkern. Die USA haben auf den Terrorakt am 11. September 2001 ungemein hart reagiert. Eine unnötige Propaganda begleitete diese Reaktion. Präsident Bush benutzte in seiner Rede am 12. September 2001 die Formulierung. „Kreuzzug zur Bekämpfung des Terrorismus“. Für die Ohren der meisten Muslime klingt das wie ein Kampfaufruf zum Krieg für das Kreuz (heiliger Krieg).

Die Mehrheit der Muslime in Indonesien gehört heute zum moderaten und modernen Islam, der in der Islamgemeinde einen stärkeren Einfluss als die radikalen Gruppen ausübt. Freilich sind noch „Wanderprediger“ unterwegs, die Hass gegen die Christen, den Westen und Amerika predigen. Zugleich aber sehen wir, wie die moderne und liberale Generation erstarkt und wie sie es wagt, den traditionellen und radikalen Gruppen entgegenzutreten, um sie durch Aufklärung für ein offenes, plurales Leben zu gewinnen, in dem einer den anderen anerkennt und respektiert. Diese Generation ist bereit, in eine Zusammenarbeit für Frieden, Gerechtigkeit und Erhaltung der Schöpfung einzutreten. Sie ist entschlossen, die eigentlichen Gründe für den Terrorismus, die in der globalen, regionalen, und nationalen Ungerechtigkeit zu suchen sind, aufzuklären. Sie hüten sich vor der von Furcht bedingten Einseitigkeit. Sie glauben den Parolen nicht, dass es ausschließlich um einen Krieg zwischen Feinden geht. Ein Zeichen, das in eine bessere Zukunft weist, ist auch die Tatsache, dass immer mehr Nichtregierungsorganisationen innerhalb der Religionen gegründet werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich einige Sätze aus dem Statement der Versammlung des Weltkirchenrates im Februar 2006 in Porto Alegre bezüglich des Terrorismus zitieren:

"Die Gewalt des Terrorismus - in allen seinen vielfältigen Formen - ist verabscheuenswürdig für alle, die glauben, dass menschliches Leben eine Gabe Gottes und aus diesem Grunde unendlich wertvoll ist. Jeder Versuch, andere Menschen einzuschüchtern durch willkürliche Handlungen, die zu Tod und Verletzungen führen, ist immer und überall zu verurteilen. Die Antwort auf den Terrorismus darf jedoch nicht eine Antwort mit den gleichen Waffen sein, denn dies kann zu mehr Gewalt und mehr Terror führen. Vielmehr ist ein gemeinsames Engagement aller Nationen nötig, um jegliche Möglichkeit zur Rechtfertigung solcher Handlungen zu beseitigen. (...) Terroristen berufen sich bei ihrem Handeln auf absolute Forderungen. Manchmal wird Religion als Vorwand für die Anwendung von Gewalt benutzt, die als von Gott gebilligt verstanden wird. Wir (...) erklären unmissverständlich, dass Terror in Form von willkürlichen Gewaltakten gegen unbewaffnete Zivilpersonen zu politischen oder religiösen Zwecken nie gesetzlich, theologisch oder ethisch gerechtfertigt werden kann.“ Diese Vollversammlung hat auch das Konzept des „Krieges gegen den Terror“ zurückgewiesen. Weiterhin wurde dazu aufgefordert, dass sich alle Religionen mit ihrem inneren Reichtum daran beteiligen mögen, die Menschen zum Frieden und zur Versöhnung zu führen. Das ist auch unsere Hoffnung in Indonesien.

5. Herausforderung: Inklusive Texte in den Vordergrund stellen

Eine weitere Herausforderung stellt ein Aufruf dar, den prominente Leute der „Reformasi“ unterschiedlicher religiöser, Richtungen im Jahr 2000 erlassen haben - einen Tag nachdem Kirchengebäude am Weihnachtstag in Brand gesteckt wurden. Die Religionen mögen doch mit Vorrang diejenigen Texte ihrer Schriften in den Vordergrund rücken, die inklusive Bedeutung haben, die die Offenheit betonen und die Gleichheit aller Menschen, auch die Gleichheit zwischen Mann und Frau anerkennen, also Texte, die uns helfen, die gemeinsamen Belange für den Frieden, die Gerechtigkeit und für die Wahrung der Menschenrechte als für uns verbindlich zu erkennen. Dieser Aufruf verdient es, ernsthaft und intensiv in den theologischen Ausbildungsstätten und von den führenden Persönlichkeiten beachtet zu werden.

Einer von den Verantwortlichen für diesen Aufruf war ich selber. Mir ist dabei klar geworden, in wie vielen Dingen wir umdenken müssen. Zum Beispiel in unserem Verständnis von „Liebe“. Viele von uns verhalten sich wie der Priester und der Levit in dem Gleichnis bei Lukas (Lukas 10, 25‑37). In Wirklichkeit lässt dieses Gleichnis nur die Deutung der Liebe als fürsorgende Zuwendung zum Nächsten ohne Ansehen der Person zu. Wie beharrlich glauben wir doch als christliche Gemeinde in Indonesien, unser Herr würde nur die Christen lieben (so die Theologie Bushs), und vergessen dabei Johannes 3,17 und Psalm 145,9.

Auch unsere muslimischen Schwestern Brüder sind dabei, viele Dinge neu zu entdecken. So beweisen Muslime, die zum Netz des liberalen Islam (JIL) gehören, aus dem Koran, wie viele Aspekte bisher falsch verstanden worden sind. Sie erheben neue Erkenntnisse aus dem Koran: Offenheit, Gleichheit, gegenseitige Fürsorge, Frieden, Gerechtigkeit und anderes. Dies ist ein Zeichen der Hoffnung für eine bessere Zukunft.

Einige Vorschläge für die Schwestern und Brüder im Westen:

1. Paradigmenwechsel

Die Zeit für einen Paradigmenwechsel ist gekommen. Das alte Paradigma für unser Verhältnis zum Islam wurde über Jahrhunderte durch die Konzeption des corpus christianum und die Erfahrungen der Kreuzzüge („Kreuzkriege“) im11./12. Jahrhundert bestimmt.

Die Zeiten haben sich geändert. Der Islam ist nicht mehr nur mit den Arabern identisch. Die Mehrheit des Islam lebt nicht mehr im Nahen Osten, sondern in Asien, besonders in Indonesien, Indien, Bangladesh, um zunächst die Länder zu nennen, in denen die meisten Muslime wohnen, deren Islam offen, und moderat ist. Hinzu kommen dann Pakistan, Malaysia, Iran und der Irak. Diesen Paradigmenwechsel bewusst zu machen, ist vor allem die nicht mehr aufzuschiebende Aufgabe der theologischen Ausbildungsstätten.

2. Revision von Grundvorstellungen vom Islam

Für die Kirchen im Westen bedeutet dies, dass auch sie ihr Verständnis der tragenden Grundvorstellungen des Islam einer grundlegenden Revision unterziehen müssen. Dies betrifft weiter die Bereitschaft, die Ergebnisse bisheriger gemeinsamer Überlegungen ökumenischer Dialogbegegnungen nutzbar zu machen. Notwendig ist auch ein klareres Verständnis dessen, was Dialog und was Mission ist. Die Ergebnisse einer solchen Revision werden dann für eine umfassende Revision der Lehre, der Liturgie und der zur Form erstarrten Gebete von Nutzen sein. Das besagt, dass die bisherigen Dialogbemühungen verstärkt und ausgeweitet werden müssen.

3. Nachbarschaft von Gemeinde und Moschee

Es wäre sehr nützlich, wenn Gemeinden, die in der Nachbarschaft einer Moschee leben, initiativ werden und Verbindungen des gegenseitigen Verstehens entwickeln. Wenn möglich, sollten Vorurteile, die beiden Seiten bisher erheblich geschadet haben, gemeinsam abgebaut werden. Der Dialog sollte am Ort der Moschee und der Gemeinde stattfinden. Die Islamophobie, die Angst überhaupt, der Hass, die Gefahr, neuartige Gettos zu eröffnen - dies alles könnte verhindert werden, wenn die Gemeinde, besonders die Gemeinde in der Nachbarschaft der Moschee, sich ernsthaft bemüht, die „Früchte des Geistes“, von denen der Apostel Paulus spricht (Galater 5,22), in ihrem Leben zu verwirklichen. Die Unterschiede im Denken der christlichen und der islamischen Gemeinde müssen und werden den Aufbau der Beziehung und ein friedliches Zusammenleben nicht verhindern. Das Leben in Pluralität beginnt an unserem Ort.
 

Der obige Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung eines Vortrages an der Universität Münster am 22. Juni 2006. Ephorus Dr. Soritua A. E. Nababan ist Altbischof der Protestantisch-Christlichen Batak-Kirche (HKBP). Er war von 1996 bis 2000 erster Moderator der internationalen VEM und ist heute einer der acht Präsidenten des Weltrats der Kirchen (ÖRK).
(Foto: www.wcc-coe.org/wcc/press_corner/nababan-bio-g.html)

 


 


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